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Erster Vereinsbetriebener Dorfladen in Böhlen bangt um Existenz
Anita Tresselt (l.) kauft jeden
Tag im Dorfladen ein, den es schon seit 1930 in der Ortsstraße gibt.
Verkäuferin Gabriele Staude (r.) kennt die Wünsche der Kunden und auch ihre
Sorgen, denn für einen kleinen Plausch nimmt sie sich immer Zeit. Thüringens erstes
vereinsbetriebene Geschäft mit Modellcharakter in Böhlen im Ilmkreis muss
wegen sinkender Umsatzzahlen um seine Existenz bangen. Er soll unbedingt
erhalten werden, damit vor allem Ältere einen Anlaufpunkt und eine
Einkaufsmöglichkeit haben. Böhlen. Gabriele Staude schaut auf
die Uhr. "Die Anita war noch nicht da", beginnt sich die
Verkäuferin Sorgen zu machen.
Knapp eine halbe Stunde später,
kurz vor 11 Uhr, marschiert Anita durch die Tür. "Ich war doch bei der
Grete zum Geburtstag", sagt sie, nimmt einen Einkaufswagen und rollt
los. Täglich kauft Anita Tresselt im
Böhlener Dorfladen ein. Sie ist 76 Jahre alt. Sie muss sich und zwei Katzen
versorgen. "Manchmal kommt auch die Tochter zum Essen", sagt sie.
Der Weg zum kleinen Geschäft in der Ortsstraße ist ihr tägliches
Fitnesstraining. Gut 20 Minuten braucht sie. "Manchmal auch länger, je
nachdem wen ich unterwegs treffe, um ein Schwätzchen zu halten."
Heute soll es zum Mittag
Grüne-Bohnen-Suppe geben. Die Zutaten hat die Seniorin bereits am Vortag
gekauft. Morgen will sie Fisch braten. Daher wandern nun eine tiefgefrorene
Regenbogenforelle in ihren Wagen, ein Säckchen Kartoffeln, Butter, Quark,
Wurst - und natürlich Futter für die Katzen. "Die Anita kauft viel",
weiß Bürgermeister Reinhard Kannich (CDU) und Vorsitzender des Vereins
"Bürger für Böhlen". Der Dorfladen im Ilmkreis ist das erste
Lebensmittelgeschäft in Thüringen, das von einem Verein geführt wird. 2008
startete das Modellprojekt mit dem Ziel, den älteren Menschen eine
Einkaufsmöglichkeit im Ort zu geben. "Am Anfang war es eine
Bewegung", so der 54-Jährige. Die Böhlener nahmen die Verkaufsstelle gut
an, Umsatzspitzen bis zu 25.000 Euro wurden erreicht. "Doch aus der
Bewegung ist Realität geworden", so der Bürgermeister. Denn der
Dorfladen muss um seine Existenz bangen.
Der Grund: Die Betreibungskosten
sind gestiegen, die Umsatzzahlen aber gesunken. Viele erledigen ihre Einkäufe
in den großen Supermärkten und Discountern, die es in den Nachbarorten gibt.
"Wir haben einfach versäumt, Rücklagen für schlechte Zeiten zu
bilden", kennt Reinhard Kannich die Fehler, die gemacht wurden. Denn mit
den Einahmen finanzierte der Verein den damals gestiegenen Personalbedarf,
bis zu fünf Verkäuferinnen waren beschäftigt. Auch gab es Fehlentscheidungen und
Zerwürfnisse im Verein. Mittlerweile spaltet der Streit das gesamte
Ilmkreis-Dorf. "Es ist schlimm, dass eine gute Sache durch einige
Personen kaputt geredet wird", weiß der Bürgermeister um die Debatten,
die oft am Stammtisch geführt werden. "Heute kann man sagen, dass
das Vereinsmodell für Böhlen eine nicht geeignete Variante ist", zieht
der Kassenverwalter und Verwaltungsgemeindechef Andreas Bayerdorf Bilanz.
Obwohl es in Niedersachsen, Hessen und Bayern gelungene Beispiele gibt, die
wirtschaftlich gut florieren. "Damals war uns in der Kürze der Zeit
nichts anderes eingefallen", erinnert er sich ans Frühjahr 2008, als der
Ladenbesitzer das Geschäft schließen wollte, weil er keine Zukunft mehr sah.
Und dennoch: Der Dorfladen soll
weiterleben. Der Vermieter senkte daher die Miete. Eine Verkäuferin muss
jetzt entlassen werden, sodass ab 1. August nur noch eine Kraft beschäftigt
ist. Die Verkaufsfläche wird verkleinert - von 260 auf 120 Quadratmeter.
Und weitere Einsparungen werden bereits diskutiert. "Da der Backofen
Strom verbraucht, müssen wir sehen, ob wir noch Brötchen backen oder besser
alles vom Bäcker anliefern lassen", so Bayersdorf. Zwischen 70 und 80 Kunden kommen
derzeit täglich in den Dorfladen. Jeder Einzelne sei in der Kasse
nachzuvollziehen. So merke man etwa am Umsatz, wenn Familien wegziehen oder
ob der Seniorenclub oder die Bank geöffnet haben. Bürgermeister Kannich
spitzt das Dilemma zu: "Seitdem die Loni tot ist, bleiben die
Salzstangen liegen, und Siegfried trieb früher den Verkauf der Käsebrötchen
in die Höhe." Von den Preisen sei der Laden
nicht konkurrenzfähig - aber von der Nähe. "Aufgrund der geringen
Mengen bekommen wir kaum Rabatte", erklärt Kannich. Doch beim Fleisch
sei man durchaus marktfähig. Denn das Lädchen wird von einigen kleineren
Fleischereien der Region beliefert. "Und wir kaufen zum Beispiel
Oberschale statt Rouladen", freut sich Kannich, dass es einen
Metzgergeselle aus Böhlen gibt, der die Fleischstücke zerteilt und so beim
Kostensparen hilft. "Viele Menschen haben viel
Zeit für den Dorfladen geopfert", will der Verein weiter für den Erhalt
kämpfen. Vor allem wegen des demografischen Wandels. "Die Alterspyramide
von Böhlen steht fast schon auf dem Kopf", weiß der Bürgermeister. 195
der 602 Einwohner sind über 65 Jahre - also 32,5 Prozent. Und der Laden, in dem es einen
Kaffeetisch gibt, ist auch Treffpunkt, Kommunikations- und Informationsbörse.
"Wenn jemand seine Kirschen nicht los wird oder Hilfe benötigt, dann
wird das hier besprochen", so Kannich. Er hält deshalb diesen
Anlaufpunkt für überaus wichtig. Zudem biete der Dorfladen etwas Familiäres.
Etwas, das Großmärkte nicht haben. "Es gibt eine Frau im Ort, die sehr
vergesslich ist", listet der Bürgermeister einen Fall auf. Wenn sie ein
zweites Mal in den Laden kommt, um ein Brot zu kaufen, dann wird sie von der
Verkäuferin darauf hingewiesen. "Man passt aufeinander auf", bringt
es Reinhard Kannich auf den Punkt. Andere Lösungen hat der Verein
auch abgeklopft. Aber die 54 Mitglieder sehen die Gefahr, dass "eine
Firmenzentrale über Wohl und Weh" des Geschäfts entscheidet. Daher wird
die Böhlener Verkaufsstelle zunächst vom Verein weiter betrieben.
"Spätestens drei Monate nach der Umstrukturierung im August wird sich
zeigen, ob sich das Geschäft überhaupt noch rechnet", so der
Bürgermeister und Vorsitzende des Vereins "Bürger für Böhlen".
Daher sein Appell an die Böhlener Bürger: "Zeigt Solidarität mit den
Älteren und kauft mehr im Dorfladen, damit er erhalten werden kann." Anita Tresselt hat indes die Kasse
erreicht. Während sie bezahlt und ihre Sachen im Einkaufstrolley verstaut,
schlendert Kannich durch die Regalreihen. Wurst und Brot werden am meisten
gekauft, lässt der 54-Jährige wissen. "Kondome sind Ladenhüter",
sagt er und mustert eine Packung. Haltbar bis 2014 liest er vor und ist
sicher: "Wenn wir da noch bestehen, werden die immer noch da liegen."
Sabine Spitzer / 28.07.11 / TA |